Abendgestaltung: Pawilony

Foto: Felix Wnuck

Auf einer Exkursion gibt es zwei wesentliche Bausteine, die den Ablauf dieser Reise bestimmen und auch für ihren Erfolg verantwortlich sind. Der eine Stein bildet das Fundament des Wissenserwerbs: Stadtführungen, Museumsbesuche und – im speziellen Fall der Geschichtswissenschaft – der Besuch von Denkmälern und Gedenkstätten sind häufig der Grund für eine Exkursion fernab des Seminartisches. Nicht minder wichtig ist die Funktion des zweiten Bausteins, der Abendgestaltung im Auge der Lokalitäten- und Kneipenszene.

Der Abend begann zumeist bereits um 19 Uhr beim gemeinsamen Abendessen. Uns erwartete eine kulinarische Verführung in den geheimen Restaurants, die nur mit einer guten Recherche gefunden werden konnten. Gelohnt hat sich die Nachforschung bis 1 Uhr nachts auf jeden Fall – vielen Dank, Frau Brühl! Ob wir koscher, vegetarisch oder traditionell polnisch gegessen haben, eines hatten die Gastwirtschaften gemeinsam: Unsere Mägen wurden gefüllt und unsere Portemonnaies blieben gefüllt. Das war beides sehr wichtig, besonders in Bezug auf die weiteren Ziele des Abends. „Neun sind angesagt!“

Entfalten konnte sich beim gemeinsamen Abendessen das Gemeinschaftsgefühl der Exkursionsteilnehmer*innen. In einem gemütlichen Rahmen beieinander zu sitzen, erzeugte eine vertrautere Atmosphäre, als sie zwischen und während Museumsbesuchen entstehen konnte. Dabei war es auch möglich, über den gerade erhaltenen Wissenserwerb zu sprechen und über Probleme und Kontroversen der Geschichtsschreibung Polens zu diskutieren. Das gemeinsame Abendessen stellte die Verbindung der beiden Bausteine her, die Kette zwischen erlebter Geschichte und der Entdeckung von polnischem piwo.

Flexibilität konnte man beim weiteren Verlauf des Abends allerdings nicht erwarten. Es gab zwei Orte, deren Anziehungskraft wir uns kaum erwehren konnten. Zunächst ging es zu den Pawilony, die sich einerseits in der Nähe des Hostels befanden und andererseits alles boten, was man sich als durstige*r Studierende*r nach einem anstrengenden Tag wünschen kann – selbst wenn man am nächsten Morgen um 5:30 Uhr auf der Matte stehen musste… Die Pawilony gehörten zur Warschauer Kulturszene. Hier standen nebeneinander in einer Reihe Bars, die wie große Pavillons aussahen – daher der Name. Die einzelnen Bars waren ähnlich aufgebaut, jede hatte einen Tresen im Erdgeschoss und einen Keller mit weiteren Sitzmöglichkeiten. Dennoch heftete sich jedes Lokal seine Wiedererkennungsnadel an, sei es durch das Ambiente einer Sommerinsel oder das Zelebrieren eines Schnauzbartes. Wir waren kaum wählerisch, wichtig für uns war nur, dass wir Sitzmöglichkeiten im Innenraum hatten. Warschau im Januar ist kalt.

Bei den Pawilony herrschte eine sehr angenehme Grundstimmung. Tagsüber wurde einem durch Stadt- und Museumsführungen immer wieder bewusst, welche Schuld und Verantwortung die Deutschen für den Verlauf der polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert tragen. Des Weiteren hörte man aus Presse, Fernsehen und Radio häufig Berichte über die derzeitig politisch angespannte Lage in Polen, was vor allem mit der national-konservativen Regierung zusammenhängt. Die Gesellschaft in den Pawilony war im Gegensatz dazu allerdings weltoffen und zuvorkommend. Wenn man jemandem auf Anfrage sagte, woher man komme, gab es keine skeptischen Blicke, sondern die interessierte Nachfrage, in welcher Stadt oder Region Deutschlands man beheimatet sei. Da verwundert es auch nicht, dass man häufiger die englische Sprache hörte – immerhin sind die Pawilony auch ein beliebter Anlaufpunkt für ERASMUS-Studierende.

Zu späterer Stunde ging es in Richtung Hostel. Nicht aber, um das Bett aufzusuchen, sondern viel eher, um in der Kneipe Beer Heaven noch ein Bier zu trinken. Nützt ja nichts! Beer Heaven verspricht viel, wird seinem Namen allerdings auch gerecht. Über 90 Biersorten kann man am Tresen bestellen, keines von ihnen teurer als umgerechnet 4,– €, der Standard lag bei umgerechnet 1,80 €. Ob Pils, Weizen, Dunkelbier, Zwickl oder Lager – für jede und jeden war etwas dabei. 24 Stunden hat die Bar geöffnet, wenn in den Pawilony bereits die Pforten geschlossen waren, konnte man hier den Abend sehr gut ausklingen lassen – vor oder auf dem Tresen.

Philipp Mangels

Werbung