Exkursion nach Warschau

Foto: Klaas Anders

Studieren bildet – wer wollte das bezweifeln! Auf Gemälden und auf Briefmarken finden wir die Bilder von Gelehrten in ihren Studierstübchen, bebrillt sich über Papiere beugend, im Hintergrund unzählige Bücher. Irgendjemand von ihnen mag das Wort Exkursion wenn nicht erfunden, so doch in Umlauf gebracht haben. Ex-kurs-ion. Bedeutet ex nicht „hinaus“? Etwa in dem Sinne: hinaus aus dem Geschichtskurs im Osteuropagebäude am Dienstagnachmittag? Hinaus zum Bahnhof, Kurs aufnehmen nach Warschau? Das muss wohl eine der Wortbedeutungen sein – zumindest war sie das für uns. Und so trug uns der Zug einen Tag lang von Bremen über Hamburg und Berlin nach Warschau. Von den Hauptbahnhöfen bis nach Centralna. Die überheizten Abteile dienten der Akklimatisierung – in Warschau schläft man im Hostel im Januar lieber bei weit geöffneten Fenstern, um keinen Hitzschlag zu bekommen, nicht gewusst?

Warschau also, drei Tage Intensivprogramm, exzellent zusammengestellt und organisiert von Pani Natalia Brühl. Applaus! Und sie sparte nicht mit Exkursion. Ex aus dem Hostel, 6.50 Uhr Treffen oder 13 überzeugende Erklärungen, warum das nicht geklappt hat. Dann doch lieber im Morgengrauen ex zum Treffpunkt. Und dann erliefen wir uns die Stadt. Vorbei an blinkender Weihnachtsbeleuchtung, an fassadengroßen Reklametafeln, an blumengeschmückten Denkmälern für Freiheitskämpfer, an Wolkenkratzern modernster Architektur, an perfekt wiederaufgebauten Altstadt-Häusern. Hinein auf den Campus der Geisteswissenschaften der Warschauer Universität – altehrwürdige Gebäude wohin man schaut – aber wo sind denn hier die Studenten? Ach so, Prüfungsphase, schnell weg und weiter, wir betreiben lieber Freiluftübungen.

Wir waren allerdings nicht nur draußen. Man kann auch in Gebäuden Kilometer machen, wenn man durch diverse Ausstellungen und Institutionen geführt wird. Wer nuschelte da „Bitte weiter!“, guide oder Zeitzeuge der Exkursion?

Doch irgendwann brauchten selbst wir eine Pause und ließen fahren – mit der U-Bahn schnellten wir von einem Punkt zum anderen und hatten den vollen Durch-Blick: Die Warschauer U-Bahn besteht aus einem einzigen Waggon, wir guckten sozusagen kilometerweit bis zum Fahrerabteil. Das vorgelegte Tempo konnte es durchaus mit dem Taxigewerbe in der Provinz aufnehmen…

Ex-kurs-ion. Sich auf den Weg machen, sich Orte aneignen, vom Leben an diesen etwas erfahren. Fremdes und Vertrautes beobachten, das Präsente und das Absente wahrnehmen. So kann das Studium von Geschichte und Kultur anschaulich werden. Es bleibt aber nicht dabei, mit geschärften Sinnen ein Programm zu absolvieren. Exkursion aktiviert Reflexion und reisen bildet. Und so kam es tagsüber zu Gesprächen zwischen Einzelnen und abends zum Austausch in der großen Gruppe. Revue passieren lassen und fragen: Was haben wir heute erlebt? Und was halte ich davon? Diese Gespräche waren für mich die größte Bereicherung dieser Tage. Bitte weiter!

Silke Plate

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