Das Warschauer Ghetto

Foto: Varvara Chivenova

Die Führung durch das Gelände des ehemaligen Ghettos

Im Anschluss an die Einführung in die Geschichte des Jüdischen Historischen Instituts und der Besichtigung der aktuellen Ausstellung trafen wir uns im Foyer mit einer Mitarbeiterin des Instituts und brachen zu einer Führung durch das Gelände des ehemaligen Ghettos in Warschau auf. Zunächst suchten wir einen Hinterhof auf, der für die Bebauung des Ghettos typisch war, und bekamen dort ein Bild davon vermittelt, wie dicht besiedelt des Ghetto war und wie schwierig es gewesen sein muss, sich Kontrollinstanzen zu entziehen, da dem Pförtner zum Hinterhof, den alle Bewohner passieren mussten, um in ihre Wohnungen zu gelangen, die Bewohner des Hauses bekannt waren.

Hiernach begaben wir uns in die Leszno-Straße, um ein Gebäude zu sehen, in dem zur Zeit des Bestehens des Ghettos ein Amt war, das von einer Seite von den im Ghetto festgesetzten Juden betreten werden konnte und von der anderen Seite von der übrigen Bevölkerung Warschaus. Anhand dieses Gebäudes wurde ersichtlich, wie bestimmte Häuser vom Ghetto ausgenommen waren und dabei enklavenähnlich nur durch eine Straße mit dem „arischen“ Teil der Stadt verbunden waren. Dieser Eindruck von willkürlichen Ghettogrenzen verstärkte sich, als wir anschließend an die Chłodna-Straße, die das Ghetto einst in zwei Teile trennte, gelangten. Unsere guide erklärte, dass die Chłodna-Straße eine wichtige Ost-West-Achse darstellte und für die Versorgung so essentiell war, dass sie keineswegs Teil des Ghettos sein konnte und somit vom Ghetto ausgenommen wurde. Die im Ghetto festgesetzten Juden mussten eine ständig überwachte Brücke über die Chłodna-Straße nutzen, um sich von einem Teil des Ghettos in den anderen bewegen zu können. Hierbei war es ihnen nicht erlaubt, stehen zu bleiben. Auch Themen wie den Schmuggel von Waren in das Ghetto sprach die Mitarbeiterin des Institutes bei dieser Gelegenheit an. Sie machte deutlich, wie vor allem Kinder durch Löcher in der Ghettomauer Nahrung ins Ghetto brachten oder wie Güter an den Wachposten des Ghettos vorbeigeschmuggelt werden konnten.

Zum Abschluss der Führung begaben wir uns zum Kościół Ewangelicko-Reformowany, einer evangelischen Kirche, die ebenfalls enklavenartig vom Ghetto ausgenommen war, und sahen dort eine Gedenktafel an der Stelle der ehemaligen Ghettomauer, auf welcher der aus Metall gearbeitete Stadtplan Warschaus zu sehen ist, auf dem die Gebiete des Ghettos plastisch hervortreten. Insgesamt vermittelte der Gang durch das ehemalige Ghetto einen Eindruck davon, wie erschreckend wenig im heutigen Warschau an die Existenz des Ghettos erinnert: Lediglich an wenigen Stellen gibt es kleinere Hinweise. Vor allem an der Chłodna-Straße, wo sich die Brückenverbindung zwischen den Ghettoteilen befand, lässt sich für nicht Informierte in keinem Moment erahnen, welche Stelle er oder sie hier begeht. So hat der Spaziergang ungemein geholfen, sich die räumlichen Dimensionen des Ghettos zu ansatzweise verdeutlichen. Nach der Führung kehrten wie einigermaßen durchgefroren zum Mittagessen im Sphinx direkt neben dem Jüdischen Historischen Institut ein, in jenem Hochhauskomplex, der heute an der Stelle steht, wo sich die am 16. Mai 1943 gesprengte Große Synagoge befand.

Torben Fedderwitz

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