Besuch der Gedenkstätte Treblinka

Foto: Varvara Chivenova

Am vorletzten Tag unserer Warschau-Exkursion bestand die Möglichkeit, die Gedenkstätte des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Treblinka zu besichtigen. Die meisten Exkursionsteilnehmer nahmen dies wahr. Morgens um 07.40 fuhren wir vom Bahnhof Warszawa Centralna nach Małkinia Górna. Von dem dortigen Bahnhof wurden wir vom wohl rasantesten Taxifahrer der Welt im Rekordtempo über gesperrte Straßen und Abkürzungen nach Treblinka gefahren. Ganz umsonst bekamen wir nebenbei noch eine kurze Einführung in die małkinische Lokal- und Verkehrspolitik.

In Treblinka angekommen, wurde die Stimmung wieder ernst. Unsere guide erläuterte uns auf Polnisch, von Frau Plate gedolmetscht, anhand einer Karte den Aufbau des Konzentrationslagers. So gab es zur Zeit des Nationalsozialismus Treblinka I, ein Arbeitslager, das schon ab Juli 1941 bestand. Hier waren hauptsächlich Polen, aber auch Juden inhaftiert. Treblinka II, das Vernichtungslager, wurde ab Mai 1942 errichtet. Für die Errichtung und auch zum großen Teil für die Erhaltung wurden die Insassen des Arbeitslagers verpflichtet. Damit die Gefangenen vom Arbeitslager zum Vernichtungslager gelangen konnten, wurde ein Weg angelegt. Dieser wurde, erzählte unsere guide, mit der Asche der in den Gaskammern getöteten Juden verfüllt. Man nannte ihn den „schwarzen Weg“. Auf Nachfrage erläuterte sie, dass die Asche noch heute dort liegt und der Weg tagtäglich von den Besuchern der Gedenkstätte genutzt wird.

Die nächste Station unserer Führung war ein kleines Museum zur Geschichte des Lagers. Im ersten Raum wird die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, des Einmarsches der Deutschen in Polen und der Errichtung des Generalgouvernements erklärt. Für uns als Studierende der Geschichte, die über Vorkenntnisse verfügen, fing der Museumsrundgang im zweiten Raum an. Dieser ist inhaltlich dem Arbeitslager Treblinka I zuzuordnen. Unsere guide erklärte uns den genauen Aufbau des Lagers, seine Funktion und die verschiedenen Arbeitsbereiche der Häftlinge. Sehr ausführlich wird in diesem Teil des Museums das Schicksal eines jungen polnischen Mädchens beschrieben. Ihre Lebensgeschichte steht stellvertretend für die Schicksale aller Arbeitshäftlinge des Lagers, ist aber insofern außergewöhnlich, weil sie die jüngste Inhaftierte war. Kurz vor der Auflösung Treblinkas wurde sie, im Alter von 15 Jahren, von der deutschen Lagerbesatzung ermordet. Heute erinnert ein Gedenkstein auf dem ehemaligen Gelände von Treblinka I an das junge Mädchen und alle anderen Menschen, die hier leiden mussten.

Im nächsten Raum des Museums wird die Geschichte des Vernichtungslagers Treblinka II thematisiert. In Miniaturformat ist das Lager dort nachgebaut und wurde uns von unserer guide detailliert beschrieben. Die vielen Schicksale, die geschildert wurden, die umfangreichen Informationen über all die schrecklichen Dinge, die an diesem Ort passiert waren, und die Art und Weise unserer guide, dies zu vermitteln, berührte uns an diesem Tag wohl alle zutiefst. Besonders traurig war ein Zeitzeugenvideo, das wir später sahen. Ein Überlebender erzählte dort, wie er in Treblinka dem Tod entkam, aber mit ansehen musste, wie Tausende Juden, auch seine eigenen Schwestern, getötet wurden. Als Zuschauer merkte man, dass die Schrecken Treblinkas niemals verwunden werden können.

Nach der Führung durch das Museum folgte ein Rundgang über das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka I. Da die Gebäude beider Lager größtenteils zerstört wurden, versuchen Historiker noch immer, die genaue Lage und Anordnung zu rekonstruieren. Heute sind Gedenksteine so angeordnet, dass sie die ungefähre Lage nachempfinden. Auf jedem der Steine steht der Name einer polnischen Stadt oder eines europäischen Landes, aus dem Juden nach Treblinka deportiert wurden. Nur ein einziger Stein trägt den Namen eines in Treblinka Ermordeten: Janusz Korczak. Ihm wird an zentraler Stelle gedacht, da er, insbesondere in Polen, als Märtyrer verehrt wird. Obwohl ihm, der ein Waisenhauses im Warschauer Ghetto leitete, die Chance geboten wurde, dem Transport nach Treblinka und dem Tod zu entgehen, entschied er sich, bei „seinen Kindern“ zu bleiben.

An diesem Ort des Gedenkens erzählte uns unsere guide etwas, das nicht nur zutiefst bestürzend war, sondern auch viele Fragen aufwarf: Zwei Männer, die in Treblinka arbeiteten und den ankommenden Juden die Kleider und Habseligkeiten abnehmen mussten, hatten Listen mit der ungefähren Anzahl der ankommenden Züge geführt. Daraus hatten sie errechnet, wie viele Menschen nach Treblinka deportiert wurden. Als das Lager zerstört wurde, konnten die beiden nur etwa die Hälfte der Listen aus ihrem Versteck retten. Darauf basiert die heute im Zusammenhang mit Treblinka immer wieder genannte Zahl von zirka 900.000 Opfern. Es ist jedoch laut unserer guide wahrscheinlich, dass die Zahl noch höher war. Einer der beiden Männer nannte später eine Zahl von rund 1,5 Millionen Opfern, basierend auf seinen Erinnerungen an die Aufzeichnungen. Da jedoch dafür niemals Beweise gefunden wurden und der zweite Mann, der diese Zahl hätte bestätigen können, starb, wird in der Forschung von 900.000 getöteten Juden ausgegangen. Waren es noch mehr Menschen, die an diesem Ort den Tod finden mussten? Und wenn die Erzählung wahr sein sollte, wieso wird in der Forschung heute nie erwähnt, dass die Zahl der Opfer sehr viel höher sein könnte?

Die Leichen der getöteten Juden liegen noch in den Massengräbern unter der heutigen Gedenkstätte. Als die Erforschung des ehemaligen Lagergeländes begann, beschloss die jüdische Gemeinde, dass die Totenruhe nicht gestört und die sterblichen Überreste nicht umgebettet werden sollen. Nachdem unsere Tour offiziell beendet war, beschlossen wir, die letzte Stunde auf dem Gelände der Gedenkstätte damit zu verbringen, den Ort des ehemaligen Arbeitslagers Treblinka II zu besichtigen. Dafür mussten wir über den „schwarzen Weg“ gehen. Noch heute besteht dieser, wie vor 70 Jahren angelegt, aus der Asche der getöteten Juden. So gingen wir, was sich wie eine endlos lange Zeit anfühlte, über die Überreste der Getöteten. Das Gefühl derjenigen, die gezwungen wurden, hier jeden Tag zur Arbeit über die Asche von Mitmenschen zulaufen, lässt sich wohl niemals nachempfinden. Am Nachmittag ging unsere Reise – per Eil-Taxifahrt und Bahn – zurück nach Warschau, wo der nächste Termin anstand: ein Besuch im Museum der Geschichte der polnischen Juden.

Lisa Jenkel

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