Polen entdecken: Warschau

Foto: Klaas Anders

Es gibt ein Land jenseits der Oder. Östlich von Deutschland hört Europa nicht auf – weder geographisch noch kulturell, nur auf der politischen Ebene bin ich mir angesichts der aktuellen Entwicklungen nicht sicher. Das waren wohl, überspitzt gesagt, die größten Erkenntnisse unserer Exkursion. Den Namen des Landes – Polen – hat man bestimmt schon einmal gehört. Doch Urlaub dort gemacht oder dort verweilt hatten bisher nur wenige aus unserer Gruppe – obwohl Polen ein direkter Nachbar Deutschlands ist. Warum eigentlich? Denn eigentlich fahren Deutsche, gerade die jüngere Generation, doch gern in ihre Nachbarländer, wie Frankreich, Schweiz, die Niederlande usw.

Unsere Reisegruppe bestand dazu noch aus Studierenden der Geschichtswissenschaft, die meisten von ihnen hatten den Schwerpunkt Osteuropa in ihrem Studium gewählt. Und dennoch war die Mehrheit noch nie in Polen bzw. Warschau gewesen, das eigentliche Ziel unserer Reise. Das Erstaunen war groß, als wir in Warschau ankamen. Die mitgebrachten Erwartungen wurden widerlegt bzw. schien sich Überraschung breitgemacht zu haben. Warschau sei „so sauber“ oder „modern“ und Ähnliches wurde mir jedenfalls auf die Frage nach dem ersten Eindruck geantwortet. Dabei stellte ich mir die Frage, ob diese Reaktionen auch bei einer anderen, insbesondere westeuropäischen Hauptstadt vorkommen würden, und kam zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall wäre.

Warum nur? Hier scheinen mir die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts ausschlaggebend zu sein. Die Volksrepublik Polen war Mitglied des Warschauer Pakts und durch den Eisernen Vorhang abgeschottet. Außerdem gab es zwischen der Bundesrepublik und Polen keine direkte Nachbarschaft, da die DDR dazwischen lag. Also hatten Polen und die Bundesrepublik physisch sowie psychisch nur wenige bis gar keine Überschneidungen oder Kontaktmöglichkeiten. Umso wichtiger war daher unser Seminar und auch die Exkursion. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs sind die Barrieren in unseren Köpfen immer noch nicht abgebaut. Noch immer wissen wir wenig über unsere Nachbarn und deren Kultur und besuchen sie nicht einmal. Über Kultur, Geschichte und vieles weitere referierten und diskutierten wir viel in dem vorangegangenen Seminar, dessen thematischer Schwerpunkt auf Warschau lag, genauer gesagt: „Warschau vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg“. Eine logische Ergänzung zu diesem erworbenen Wissen wäre eine Anwendung vor Ort, deshalb auch der Entschluss, nach Warschau zu fahren.

Bevor wir nun im Januar nach Warschau fuhren, hatten im Oktober 2015 die Parlamentswahlen stattgefunden, die zu einem Regierungswechsel geführt hatten. Nun stellt die national-konservative PiS die parlamentarische Mehrheit und die Regierung in Polen und hat einige im In- und Ausland umstrittene Reformen durchgesetzt. Diese Partei spricht eine Wählerschaft an, die für die polnische Gesellschaft weniger liberale und mehr katholisch-nationale Werte als richtig erachtet, die Europäisierung der nationalen Identität kritisiert und mit Blick auf die polnische Mitgliedschaft in der Europäischen Union eine stärkere Akzentuierung der Souveränität Polens auf internationaler Bühne betont. Ihre Unterstützer lassen sich nicht pauschal als „Transformationsverlierer“ klassifizieren, zumal sie auch in Teilen der jungen und jüngeren Generation gut ankommt.

PiS ist nicht gerade europa-affin und demokratische Werte wie die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts oder der öffentlichen Medien scheinen für ihre Politiker und Anhänger nicht essentiell zu sein. So hebelte sie das polnische Verfassungsgericht aus und brachte des Weiteren de facto und de jure die staatlichen Medien unter ihre Kontrolle. Internationale Reaktionen an diesem Vorgehen ließen nicht lange auf sich warten. Vertreter der EU sowie deutsche Politiker äußerten deutliche Kritik. Daraufhin kam es zu heftigen Reaktionen von Seiten der polnischen Regierung. Nun herrschen Spannungen zwischen den beiden Regierungen und das Bemühen, diese zu kaschieren, und in dieser Situation hilft es, auf die bilateralen Kontakte der Zivilgesellschaft zu bauen, die sich im letzten Vierteljahrhundert hervorragend entwickelt haben.

Diese Exkursion war meine zweite Fahrt nach Warschau. Beide Aufenthalte fanden in den letzten vier Jahren statt, also ohne eine lange Zeit dazwischen. Das Stadtbild an sich hat sich nicht wirklich verändert. Wie eh und je steht der Kulturpalast, weiterhin fließt die Weichsel und thront das Schloss über ihr, und wenn man abends den Blick von der Altstadtseite aus über den Fluss schweifen lässt, fällt er auf das National-Stadion, das in den Farben der polnischen Fahne glänzt.

Auch ein paar der besuchten Orte kannte ich bereits von dem vorangegangen Aufenthalt. Das überladene Museum des Warschauer Aufstands, die wiederaufgebaute Altstadt, mit der der ehemalige Glanz Warschaus greifbar erscheint, und auch den Warschauer Kulturpalast. Trotzdem freute ich mich richtig auf eine weitere Reise nach Warschau, denn auf dem Exkursionsprogramm standen so viele unbekannte und vielversprechende Orte und Einrichtungen, die ich mir nach meinem ersten positiven Eindruck von Warschau nun auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Das „Lego-Konzentrationslager“ des Künstlers Zbigniew Libera, an dem sich eine lebhafte Diskussion in unserer Gruppe entzündete, haben wir im Museum für zeitgenössische Kunst präsentiert bekommen. Dies wiederum besticht durch die Besonderheit, dass es in einem ehemaligen Möbelhaus untergebracht und dadurch im wahrsten Sinne des Wortes für alle Blicke zugänglich ist – für mich war das eins der faszinierendsten Highlights in Warschau.

Zu guter Letzt muss ich aber noch erwähnen, dass uns nicht nur polnische Kultur und Geschichte in Form von Museen, Führungen, Vorträgen usw. vermittelt wurden, sondern auch die typischen kulinarischen Köstlichkeiten, die Polen zu bieten hat, wurden uns angeboten. Für mich war das ein ebenso wichtiger Programmpunkt wie großer Gewinn dieser Warschau-Exkursion. Insgesamt finde ich die Warschau-Exkursion sehr gelungen, und ich glaube, diese Reise war für jeden und jede Teilnehmer/in eine Bereicherung. Zum einen haben wir ein Land entdeckt, das vielen unbekannt bzw. nur aus Erzählungen bekannt war, insbesondere eine unbekannte Stadt und Kultur. Zum anderen haben wir das im Seminar Erarbeitete direkt vor Ort anwenden und vertiefen können. Mir bleibt nur noch zu sagen: gerne wieder!

Felix Wnuck

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